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Resümee vom DSO-Jahreskongress: Gemeinsam eine Kultur der Organspende schaffen​

Gesetzesänderungen stellen die Weichen – Organspende muss auch gesellschaftlich verankert werden

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) konnte auf ihrer 17. Jahrestagung, die im hybriden Format stattfand, mit über 625 Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Rekord verzeichnen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer sind in den Krankenhäusern als Transplantationsbeauftragte tätig und damit in einer Schlüsselposition im Organspendeprozess, da sie potenzielle Spender erkennen und an die DSO als Koordinierungsstelle melden. „Dies zeigt, dass zwei Jahre nach der wichtigen Gesetzesänderung im April 2019 der Bedarf am Austausch über die bisherige Umsetzung der neuen Rahmenbedingungen in den Kliniken weiterhin sehr groß ist. Dazu gehören natürlich vor allem Diskussionen darüber, an welchen Stellen noch optimiert werden muss und wie das Ansehen der Organspende und die Wertschätzung gegenüber den Organspendern und ihren Familien noch verbessert werden können“, so der Medizinische Vorstand der DSO, Dr. med. Axel Rahmel. ›Weiterlesen

​In seinem Grußwort aus der Gesundheitspolitik erklärte dazu auch Klaus Holetschek, Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz und Bayerischer Staatsminister für Gesundheit und Pflege: „Wir müssen alles versuchen, das Thema Organspende in die Mitte unserer Gesellschaft zu tragen. Wir stehen im internationalen Vergleich bei der Organspende ganz weit hinten. Das Thema kann nur gemeinsam als gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung vorangebracht werden.“

Was haben uns andere Länder voraus?

Wie veränderte Rahmenbedingungen und ein Umdenken in der Bevölkerung zu mehr Organspenden führen, veranschaulichten Beiträge aus Großbritannien und Israel. Die Geschäftsführende Direktorin vom Israel Transplant Center, Tamar Ashkenazi, RN PhD, verwies auf einen Anstieg der Zustimmungsrate zur Organspende von 42 auf 62 Prozent zwischen den Zeiträumen 2004/2009 und 2016/2020 – und das in einem Land mit Opt-in-System, wo die nächsten Angehörigen einer Organspende zustimmen müssen.

Wichtigster Faktor dabei war sicherlich das Gesetz aus 2008. Dadurch, dass es die Unterstützung vom Council of Chief Rabbinate erhielt, nahm in der Folge der Hauptablehnungsgrund „Religiöse Bedenken“ insbesondere in der jüdischen Bevölkerung ab. Auch in den Kliniken wurde viel optimiert: Ärztinnen und Ärzte wurden speziell geschult, ebenso das Pflegepersonal. Die Organspende-Koordinatoren erhielten ein Training, wann und wie sie am besten mit der Familie reden.

Insgesamt führten laut Tamar Ashkenazi all diese Maßnahmen dazu, dass als Hauptgrund bei der Zustimmung zur Organspende mittlerweile „das Richtige zu tun“ im Vordergrund steht und es zu einer positiven Einstellung in der Gesellschaft gegenüber der Organspende kam.

Dr. Dale Gardiner vom Nottingham University Hospitals NHS Trust berichtete ähnliches aus Großbritannien. Hier fand ein Paradigmenwechsel dahingehend statt, dass auf den Intensivstationen das Ermöglichen einer Organspende heute ein grundlegender Bestandteil einer guten Sterbebegleitung ist. Auch in Großbritannien erhielten das ärztliche und pflegende Personal eine spezielle Ausbildung. Politische Unterstützung kam durch Gesetzesänderungen hin zur Opt-out-Lösung: Dezember 2015 in Wales, Mai 2020 in England und März 2021 in Schottland. Zudem ist in Großbritannien die Organentnahme nach Herzstillstand möglich. Dies alles führte zu einer Zunahme von Organspendern um 50 Prozent. Die Wertschätzung der Spender ist in den Kliniken mittlerweile gelebte Tradition: So gibt es an jedem Krankenhaus eine Gedenkstätte für die Organspender und die Familien erhalten in einem Festakt eine Medaille als Auszeichnung vom Order of St John. Diese sichtbaren öffentlichen Würdigungen sind auch wichtig für das Krankenhauspersonal, das so eine Bestätigung seines Engagements für die Organspende erhält, erklärte Gardiner.

Was tut sich in den Kliniken in Deutschland?

Hierzu standen auf dem Kongress die Transplantationsbeauftragten, als wichtige Partner im Organspendeprozess, im Fokus. Prof. Dr. med. Felix Braun vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein führte aus, dass laut Gesetz vom April 2019 die Rolle der Transplantationsbeauftragten zwar gestärkt wird, dies aber noch nicht überall flächendeckend erreicht wurde. Das untermauert eine aktuelle Umfrage der Bundesärztekammer, an der sich mehr als 800 Transplantationsbeauftragte beteiligten, aus der er erste Ergebnisse präsentierte: So gibt knapp über die Hälfte der Befragten an, dass ihre Freistellung bislang nicht gut oder sehr gut im gesetzlich geforderten Rahmen umgesetzt wurde. Zwar freuen sich 72 Prozent über ihre Position, aber gleichzeitig sehen 73 Prozent in ihrer Tätigkeit keine zusätzliche Karrierechance – ein Ausdruck fehlender Wertschätzung und Anerkennung der Aufgaben der Transplantationsbeauftragten. Ihre Tätigkeit aufzuwerten war allerdings eines der Ziele des Gemeinschaftlichen Initiativplans Organspende vom Sommer 2019. Eine Strategie, die Position der Transplantationsbeauftragten zu stärken, sieht Braun in der Etablierung regionaler, bundesweit kooperierender Netzwerke – ein Ziel, das von der Bundesärztekammer und der DSO ausdrücklich unterstützt wird.

Die Erkennung potenzieller Organspender gehört mit zu den primären Aufgaben eines Transplantationsbeauftragten – und ist mit die schwierigste, wie Konrad Pleul, Koordinator in der DSO-Region Ost, ausführte. Er stellte das automatisierte elektronische Screeningtool DETECT vor, das am Universitätsklinikum Dresden entwickelt und auch bereits evaluiert wurde. Erste Ergebnisse zeigen laut Pleul, dass mit DETECT das Defizit der Erkennung von Patienten mit möglicherweise eintretendem oder manifestem irreversiblem HirnfunktionsausfalI reduziert wird (Link zur Studie im Deutschen Ärzteblatt). „Damit unterstützt das Tool die Transplantationsbeauftragten bei der Fokussierung auf die relevanten Patienten“, fasste er zusammen.

Unterstützung für die Transplantationsbeauftragten bietet auch das Gesprächsmodell „WEITER“, das von der DSO entwickelt wurde. Der DSO-Koordinator Christian Thurow, DSO-Region Baden-Württemberg, informierte: „Die Richtlinie der Bundesärztekammer zur Spendererkennung hat in besonderer Weise den Fokus auf Zeitpunkt, Inhalt und Anforderungen an die Gespräche mit den Angehörigen zur Organspende gelegt. Dazu passt das WEITER-Modell, das der Gesprächsführung zu jedem Zeitpunkt im Behandlungsverlauf eine gute Struktur und Vorgehensweise aufzeigt.“

Denn laut der seit September 2020 gültigen Richtlinie sind erste informierende Gespräche mit der Familie über Organspende bereits im Falle eines bevorstehenden oder als bereits eingetreten vermuteten Hirnfunktionsausfalls möglich. Damit soll im Sinne der Patientenautonomie der Wille des Patienten frühzeitig eruiert werden, um zu gewährleisten, dass ein möglicher Organspendewunsch nicht durch eine ebenso mögliche Therapiebegrenzung unberücksichtigt bleibt. Das Gesprächsmodell integrierte auch das Eingehen auf Aspekte anderer Kulturen und Religionen. Ziel jedes Gesprächs ist nach wie vor, dass die Entscheidungsfindung strukturiert, empathisch und ergebnisoffen stattfindet.

Wie wird hierzulande die Bevölkerung mitgenommen?

Im März 2022 tritt das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende in Kraft. Auf dem Kongress stellte daher Dr. rer. nat. Daniela Watzke von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die geplanten Initiativen und Maßnahmen vor, mit denen die Bevölkerung über die Neuerungen informiert werden soll. Aufmerksamkeit schaffen sollen u.a. Videoclips, Anzeigenschaltungen und Social-Media-Kampagnen, zudem wird es Podcasts, redaktionelle Beiträge und Broschüren geben. Darüber hinaus soll die Hausärzteschaft Patientinnen und Patienten zur Organspende beraten, es gibt ein Online-Register für die Erklärung zur Organ- und Gewebespende („Organspende-Register“), die Ausweisstellen von Bund und Ländern händigen Aufklärungsmaterial und Organspendeausweise aus und man kann sich vor Ort ins Register eintragen. Insbesondere für die Hausärzte bereitet die BZgA umfassendes Schulungsmaterial vor, da laut Umfragen viele von ihnen sich zum Thema Organspende nicht ausreichend ausgebildet fühlen. Ziel aller Maßnahmen ist, dass die Bevölkerung auf einfachem Wege Zugang zu Informationen über Organspende erhält, sich motiviert fühlt, mit dem Thema auseinander zu setzen und eine Entscheidung zu treffen, die auch dokumentiert und mit den Angehörigen besprochen wird.

Ein Fazit zog Dr. med. Axel Rahmel von der DSO am Abschluss des Kongresses: „Wir haben an zwei intensiven und wissensreichen Tagen gesehen, dass es beides braucht, um eine Kultur der Organspende wachsen zu lassen: die konsequente Umsetzung der gesetzlichen Änderungen in den Kliniken, insbesondere bei den Transplantationsbeauftragten, aber auch die Mitnahme der Bevölkerung durch Aufklärung, Gespräche und Zuwendung. Nur so werden wir unser Ziel erreichen, möglichst vielen Patienten auf den Warterlisten ein längeres und besseres Leben zu ermöglichen.“ Eingespielte Videostatements auf dem Kongress unterstrichen dies, indem eine Wartelistenpatientin, eine Organempfängerin sowie Angehörige von Spendern darüber sprachen, was die Organspende für ihr Leben bedeutete. 


Alle Teilnehmer, die an der Präsenzveranstaltung in Frankfurt oder online aktiv teilgenommen haben, erhalten ihre Teilnahmebescheinigung per Mail.

Zertifizierung:
Die Zertifizierung des DSO-Kongresses als Fortbildung ist durch die Landesärztekammer Hessen mit 3 Zertifizierungspunkten pro Tag festgelegt.
Die Registrierung beruflich Pflegender GmbH zertifiziert mit 6 Punkten für die Teilnahme an einem Kongresstag und 10 Punkten für die Teilnahme an beiden Kongresstagen.

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28. Oktober 2021, 11.30 – 17.00 Uhr

 

11:30 Uhr

Pressekonferenz

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Bundesärztekammer, Berlin

Prof. Dr. med. Jens Scholz
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

Dr. med. Kati Jordan
Vivantes, Auguste-Viktoria-Klinikum, Berlin 

Dr. med. Axel Rahmel
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main

Thomas Biet, MBA, LL.M.
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main

Birgit Blome (Moderation)
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main


 

Grußwort aus der Gesundheitspolitik

Klaus Holetschek MdL, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, München
Vorsitzender der GMK und Bayerischer Staatsminister für Gesundheit


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Eröffnung

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery
Bundesärztekammer, Berlin

Thomas Biet, MBA, LL.M.
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main

Dr. med. Axel Rahmel
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main


 

Lehren aus der Coronavirus-Pandemie für die deutschen Kliniken – Krise als Innovationstreiber?!

Prof. Dr. med. Jens Scholz
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel


Organspende und Transplantation in Deutschland – Corona-Krise und darüber hinaus

Moderation:
Dr. med. Angelika Eder
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Martinsried (München)

Dr. med. Axel Rahmel
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main

 

SARS-CoV-2-Pandemie – Aktuelle Situation und Ausblick

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer
Technische Universität München


 

Aufklärung Organspende – aktuelle Initiativen der BZgA

Dr. rer. nat. Daniela Watzke
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

29. Oktober 2021, 9 – 14 Uhr

Wie schafft man eine Kultur der Organspende?

Moderation Dr. med. Katalin Dittrich
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Leipzig

PD Dr. med. Christina Schleicher
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Stuttgart

 

Israel – Fostering organ donation in a multi-cultural society

Tamar Ashkenazi RN PhD
Israel Transplant Center


 

UK – Achieving a cultural change in organ donation

Dr. Dale Gardiner
Nottingham University Hospitals NHS Trust



 

Notarzt oder Arzt in Not?

Dr. med. Wolfgang Wachs
Luftrettung Christoph 39


Aktuelle Entwicklungen in der Organspende

Moderation:
Dr. med. Detlef Bösebeck
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Berlin

Thomas La Rocca
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Frankfurt/Main

 

Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls – Herausforderungen und Unterstützungsangebote

Dr. med. Detlef Bösebeck
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Berlin


 

Aktuelle Entwicklungen der Maschinenperfusion – eine neue Studie zur Perfusion von Spenderherzen

Prof. Dr. med. Christoph Knosalla, MHBA
Deutsches Herzzentrum Berlin


 

Gesprächsführung mit Angehörigen – das WEITER-Modell

Chris Wolf
WandelDrive, St. Tönis

Christian Thurow
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Freiburg


Bildergalerie


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Zahlen & Fakten zum DSO-Kongress 2021

704 Zahl der Anmeldungen

20 Referenten & Moderatoren

100 Minuten Diskussion

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